Walter Eucken

Walter Eucken

Euckens wissenschaftliches Werk ist eine Antwort auf die großen Probleme seiner Zeit. Walter Eucken, geboren am 17. Januar 1891, wuchs in Jena im Haus seiner Eltern, des Philosophen und Literaturnobelpreisträgers Rudolf Eucken und der Malerin Irene Eucken, auf. Nach dem Studium in Bonn und Kiel, dem Militärdienst im ersten Weltkrieg, einer Dozententätigkeit in Berlin und einer Professur in Tübingen folgte er 1927 einem Ruf an die Universität Freiburg, wo er bis zu seinem Tod 1950 lebte. 1920 heiratete er die Schriftstellerin Edith Erdsiek. 1923 erschien seine inflationstheoretische Schrift "Kritische Betrachtung zum deutschen Geldproblem", 1925 "Das internationale Währungsproblem".

 

Zu den Menschen, mit denen er sich geistig austauschte, gehörten nicht nur Ökonomen, sondern auch die Maler August Macke und Ludwig Kirchner, der Komponist Max Reger, die Naturwissenschaftler Herrmann Staudinger und Werner Heisenberg sowie Ricarda Huch und Karl Popper. Von besonderer Bedeutung war für ihn seine Freundschaft mit Edmund Husserl, der ihn wissenschaftstheoretisch stark beeinflusste.

 

Während seiner nationalökonomischen Ausbildung in der damals an der deutschen Universität vorherrschenden "historischen Schule" und seiner Tätigkeit als stellvertretender Geschäftsführer des Reichsverbands der Textilindustrie (1921-1924) sah er, wie die akademische Ökonomie sich von wirtschaftlichen Interessengruppen beeinflussen ließ, ohne Antworten auf die Weltwirtschaftskrise zu finden. Dazu kam dann die Erfahrung, dass die erste Demokratie in Deutschland unfähig war, Macht zu kontrollieren und sich so die NS-Diktatur durchsetzen konnte.

 

Eucken setzte sich als Universitätsprofessor in Freiburg für einen gemeinsamen Widerstand der deutschen Universitäten gegen den Nationalsozialismus ein. Er scheiterte damit, denn nur wenige waren bereit, sich der entstehenden Diktatur zu widersetzen. Eucken musste erkennen, dass er und seine Freunde den Nationalsozialismus nicht verhindern konnten. Trotzdem gelang Eucken und Böhm Anfang der dreißiger Jahre ein langfristiger angelegtes Projekt zur Schaffung einer freien Gesellschaft. Sie gründeten ihren interdisziplinären Arbeitszusammenhang, die "Freiburger Schule". Besonders wichtig war für sie der Kontakt mit dem Ökonomen Wilhelm Röpke und dem Soziologen Alexander Rüstow, die beide in der NS-Zeit im Exil lebten.

 

Als nach 1933 in Freiburg unter dem Rektor Martin Heidegger eine nationalsozialistische Universitätsverfassung eingeführt wurde und die Judenverfolgung im Wissenschaftsbetrieb begann, bezog Eucken offen Stellung. Eucken war, wie der Historiker Bernd Martin feststellte, "der eigentliche Widerpart Martin Heideggers". Bereits 1936 forderten Freiburger NS-Studenten, Walter Eucken und seine Freunde umzubringen. Gleichzeitig waren seine Frau Edith Eucken-Erdsiek und ihre Familie wegen ihrer jüdischen Herkunft bedroht. Trotzdem hielt Eucken damals eine Vorlesungsreihe für die Freiheit des Denkens mit dem Titel "Der Kampf der Wissenschaft". Zusammen mit seiner Frau, die in der NS-Zeit ihre Arbeit als Schriftstellerin einstellen musste, führte er in Freiburg ein Haus mit vielen Gästen. Studenten und Kollegen gingen in der Goethestraße ein und aus und konnten an für die NS-Zeit unvorstellbar offenen Diskussionen teilnehmen. In dieser Zeit entstanden so die "kapitaltheoretischen Untersuchungen"(1934), "Nationalökonomie, wozu?" (1938, im gleichen Jahr Neuauflage von den Nazis verboten) und sein erstes Hauptwerk "Die Grundlagen der Nationalökonomie" (194O), indem er die "Ordnungstheorie" entwickelt.

 

Seit dem Novemberpogrom 1938 gegen die deutschen Juden traf sich Walter Eucken mit befreundeten Wissenschaftlern aus Ökonomie, Rechts- und Geschichtswissenschaft und einer Reihe von Pfarrern in verschiedenen Freiburger Wohnungen, um über den Aufbau einer freien Gesellschaft für die Zeit nach dem erhofften Zusammenbruch des NS-Staats zu beraten. Nach dem 20. Juli 1944 wurde dieser oppositionelle Diskussionskreis zerschlagen. Die Gestapo verhörte Walter Eucken mehrfach, verhaftete ihn jedoch nicht. Drei Freunde Euckens aus dem "Freiburger Kreis", die Ökonomen Adolf Lampe und Constantin von Dietze sowie den Historiker Gerhard Ritter inhaftierte das NS-Regime bis zur Befreiung Berlins.

 

Mit dem Ende der Nazi-Herrschaft schien die große Stunde der Freiburger Schule gekommen zu sein. Walter Euckens wirtschaftspolitisches und Franz Böhms wirtschaftsrechtliches Denken war in den Jahren nach 1945 gefragt, als beim Aufbau der Demokratie neue wirtschaftspolitische Konzepte gesucht wurden. Tatsächlich wurden einzelne wichtige Vorstellungen, die Eucken zusammen mit anderen Ökonomen vertrat, in der Bundesrepublik Deutschland umgesetzt (z.B. zur Konzeption der Geldpolitik und der Währungsreform).

 

Aber der Kern des Werks von Walter Eucken und Franz Böhm, das Konzept einer Wirtschaftsverfassung der ökonomischen Machtminimierung, hat sich politisch nicht durchgesetzt. Die von der Freiburger Schule geforderte Grundsatzentscheidung für die Wettbewerbsordnung hat es in Deutschland nie gegeben.

 

In den Jahren nach 1945 entwickelten sich heftige Auseinandersetzungen zwischen der Freiburger Schule und den ehemaligen und neuen Führern der deutschen Großindustrie und Großbanken. Die Freiburger Schule forderte eine radikale Entflechtung der Großindustrie und legte detailliert ausgearbeitete Gesetzesentwürfe für die neue Wirtschaftsordnung vor. In den ersten Jahren nach 1945 wurde sie teilweise von den Vertretern der US-amerikanischen Antitrusttradition in der Militärregierung unterstützt. Doch die Freiburger Schule scheiterte an den industriellen Interessengruppen, die die NS-Zeit überdauert hatten.

 

Eucken starb im März 1950 in London, als er in der London School of Economics Vorträge unter dem Titel "This unsuccessful Age" hielt. Bekannt ist, dass sich Ludwig Erhard immer wieder auf Eucken als Vordenker seiner Politik berief. Doch unbekannt ist, dass Eucken kurz vor seinem Tod die Wirtschaftspolitik unter der Regierung Konrad Adenauer als "Politik des Sichtreibenlassens" kritisierte. Eucken forderte, dass der wissenschaftliche Beirat sich "jetzt energisch von der heutigen Wirtschaftspolitik distanziert". (Brief an von Beckerath 3.2.1950)